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Les Bagages d’Eva - Klaus Gallwitz

Ihre Malerei lebt vom Überfluß. Aber nicht das klassische Füllhorn ist ihr Attribut, sondern der Brunnen. Am ehesten ein römischer wie in der Via Giulia. Tag und Nacht quillt aus dem Mund der steinernen Maske im Schwall das Wasser. Und man glaubt, es zu sehen, zu hören, zu schmecken. An diesen Platz kann denken, wer auf die Bilder Eva Schaeubles sieht. Immer findet sich beides: das Flüssige und das Erstarrte, die Geschichte und der ungreifbare Augenblick, in Hülle und in Fülle.

Eva sammelt in ihren Bildern das Feste, Beständige und noch lieber das Flüchtige, Vorüberziehende. Sie weiß, das Paradies liegt hinter ihr.List de Bagage Mit der Entfernung vermehren sich die Gepäckstücke wie von selbst. Auch dies gehört zum Überfluß. Auf einem bei Gelegenheit handgeschriebenen Blatt Papier ist aufgelistet, was mitgenommen wird. Koffer, Taschen, Schachteln und Beutel benötigt man zum Reisen wie zum Sammeln. Mit Griffen, Henkeln und Schnüren, mit Riemen, Bändern und Beschlägen sind sie versehen. Auffällig: ein Rucksack ist nicht darunter. Die Sachen sollen im Bereich der Hände sein. Man muß sie sortieren können.

Damit die Übersicht über das Gepäck erhalten bleibt, markieren kleine Randskizzen gewissenhaft die einzelnen Stücke. Eine poetische Tabelle des Inventars steht gleich daneben, auf französisch: la valise du pique-nique du Duc des Esseintes, la valise des favorites, la valise du temps perdu, la sachette des petits points ... – es handelt sich um Trophäen besonderer Art. Teilweise stammen sie sicherlich aus dem Garten Eden. Eva ist selber Jägerin und Sammlerin, bevor sie diese malt. Sie sucht die Strände des Lungomare ab und behandelt ihre Funde stolz als Beutestücke, die sie mit den Vorräten auf ihrem imaginären Marketenderwagen verstaut.Bagage Unter dem anfeuernden Zuruf „Vorwärts, Kinder, vor euch zittert das Meer“ werden die Strände freigegeben.

Evas Konterbande ist von professioneller Unübersichtlichkeit gezeichnet und für das praktische Reisen kaum brauchbar. Ihr Inhalt entzieht sich der Waage auf den Flughäfen, dem Röntgenauge an den Schaltern und dem Zugriff der Zöllner. In Schuhkartons, Mappen und Folien, in Musterbögen, Fotos und Zeitungsausschnitten wird alles zu Hause geordnet, aufbewahrt und verarbeitet. Jeder ihrer tatsächlichen und eingebildeten Streifzüge endet im Atelier mit seinen Vor- und Nebenzimmern und wartet auf sein Fortleben in neuen Kampagnen. Die finden ihren Schauplatz auf Tafeln, auf wandgroßen Papieren und Collagen, auf kleinen Schautellern und Aquarellen. Nirgendwo eine embarras de richesse.

Dafür Reichtum und Fülle bis zur Opulenz. Das ist bemerkenswert, wo sich heute Strategien der Sparsamkeit und des Kalküls behaupten.olé Victorine Les bagages d’Eva bewahren antizyklisch ihren märchenhaften Charakter aus der Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat.

Olé, Eva – Manets Modell Victorine als Matador hat zur Zeit ihre Rolle übernommen und zeigt sich in allen Sätteln gerecht. Victorine nimmt die Gesichtszüge der Malerin an und sitzt im Kostüm des Toreros nach der Corrida am Tisch, vor sich zwei Kirschen und einige Gläser. Ein Mikrophon wird ihr von weiblicher Hand entgegengehalten. Die Armbanduhr zeigt auf drei. Ich glaube, ihre Stimme zu diesem Anlaß zu vernehmen, mit wenigen Worten aus einem von ihr gern zitierten Gedicht: Guten Morgen, ihr Anwesenden, Abwesenden, Gute Nacht.
 

 


Zurufe, die nachklingen -
Kirsten Claudia Voigt
zur Eröffnung der Ausstellung im Rastatter Marstall, Mai 2000

Eva Schaeubles Kunst ist in mehrfacher Hinsicht Auseinan­dersetzung mit der Tradition. Die Künstlerin liebt den Einsatz von Zitat und Anspielung, sie liebt den Reichtum der abendländischen Kultur, der Nährboden ihrer Kunst ist. Deshalb könnte man vor ihren fulminanten Arbeiten viele Namen und Orte nennen, Geschichten und Kunst-Geschichten erzählen.

Fallende Gesichter, Brunnenschalen, Wasser, kalte Steine, Licht und Schatten, Blumen, Brücken, Unten und Oben, Absinken und Wiederauftauchen, Abschied – mit diesen Motiven, Konstellationen oder Bewegungen arbeiten ihre Bilder.

„Wo ich hinkam, fand ich mich unter Steinen, wie sie ergraut und von Vertrauen befangen. Mir ist gewiss, dass auch dein Gesicht so alt herabfiel und sich neben mich legte unter den eisweißen Wasserfall ...“ Ähnlich wie viele Gedichte von Ingeborg Bachmann sind auch Eva Schaeubles Bilder oft angeregt durch Orte, an denen sich kulturelle Leistungen in einzigartiger Weise verdichteten, durch die Kultur Italiens und Frankreichs, durch die Intensivierung der Wahrnehmung, die wir auf Reisen erfahren, die ganz dem Schauen, der Begegnung mit Neuem gewidmet sind. So ist Eva Schaeuble schon als Kind mit ihrer Familie gereist, in die Museen von Florenz und Mailand, später nach Rom.

Ihre Kunst ist poetisch. Sie liebt Lyrik und expressive Epik, sie liebt die Kunst der Renaissance, des Manierismus und des Barock. Diese Vorbilder sind bewunderter Maßstab. Weniger das Persönliche als das Überpersönliche, das kulturell Geformte ist damit Eva Schaeubles Stoff. Die Künstlerin hat dabei weder vor großen Themen, noch vor großen Gefühlen, noch vor großen Vorbildern, noch vor großen Räumen oder Formaten Angst. Sie stellt sich mit beachtlichem Geschick diesen Herausforderungen, einem Kräftemessen.

Marstall Schloss Rastatt, 2000

Kaum eine Künstlerin setzt sich mit vergleichbarer Neugier, unermüdlicher Wissbegier, Aufgeschlossenheit und Systematik mit ästhetischen Theorien früherer Jahrhunderte auseinander, erlaubt sich dabei eine unerhörte Freiheit und Großzügigkeit im Umgang mit diesen Ideen und Traditionen, ohne diese zu verschleißen oder symbolisch zu entleeren.

Genuin arbeitet Eva Schaeuble als Zeichnerin. Die große Anlage ihrer Werke verdankt sich immer einer klaren linearen Strukturierung, der Operation mit scharfen Konturen und starken Kontrasten. Wer derart „linear“ denkt, arbeitet intellektuell vor, hat sich mit Erfindung und Entwurf befasst, Pläne, Strukturen und Muster ersonnen. Das innere Bild, der Plan, die Idee spielen in dieser Kunst eine wichtige Rolle – ihre Umsetzung vollzieht sich jedoch immer mit spontaner und spielerischer Leidenschaft, mit Lust auf Verwandlung und Abweichung, bis sich eine Balance einstellt zwischen Gefühl und Verstand.

Eva Schaeubles Arbeitsprozess ist vielschichtig. Sie ist Jägerin und Sammlerin, wenn sie Tageszeitungen und Illustrierte liest. In ihrem Karlsruher Atelier stehen Kartons mit Zeitungsausschnitten. Das Foto eines Pullovers, der im Wasser treibt – ein Bild, das nach einem Flugzeugabsturz entstand –, interessiert sie genauso wie Aufnahmen von Installationen Walter de Marias oder Sol LeWitts, wie ein Foto, das Arbeiter im Schacht der Pariser Metro zeigt, oder ein Bild gestapelter Fernsehmo­nitore. Dokumentarbilder von den Verwüstungen des Kosovo-Krieges begegnen in ihren Arbeiten den Kopien eines Stichs von Antonio de Pollaiuolo mit antikischen Kämpfern. Eva Schaeuble führt durch ihre Zitate Geschichte und Gegenwart zusammen. Seit 1988 integriert sie Collage-Material in ihre Werke. Sie verarbeitet die gesammelten Zeitungsausschnitte durch Kopierverfahren als seriellen Rohstoff und verweist damit unter anderem auch auf die Massenhaftigkeit des Auftretens von Bildern heute, auf Massenproduktion, aber gewissermaßen auch auf die Massenvernichtung von Bildern durch immer neue Bilder. Fotos werden in einer das Einzel­motiv unkenntlich machenden Fülle ins Bild integriert. Mit der Großform ihrer Zeichnungen korreliert Eva Schaeuble damit feinsinnig durchgearbeitete Binnenstrukturen mit narrativem Gehalt. „Ich mag es, wenn man im Großen eine klare Form erkennt, und dann aus geringerer Entfernung entdeckt, dass da noch etwas erzählt wird.“ In dieser Spannung hält Eva Schaeuble ihre Arbeiten immer.

Das Gefäß steht für ein breites ikonographisches Spektrum. Es enthält nicht nur den Hinweis auf das leben- und kraftspendende Wasser, das in ihm aufgefangen und transportiert wird, sondern auch in seiner auf den ersten Blick rein ornamental anmutenden Oberflächenstruktur die erwähnten Fotofrag­mente – zum Beispiel Flaschenberge, aus denen Teile von Granaten ragen. Auch hier sind moderne Bilder mit mythologische Vorstellungen assoziiert. „Styx“ ist zum Beispiel eine große grüne Vase betitelt, in deren Innerem eine kopfüber hängende Figur sichtbar wird.

Das Zitat, der Bezug zum Mythos erscheint in ihren Werken nicht als theoretischer Ballast, nicht als bildungsbürgerliche Aufforderung etwas zu wissen, sondern als Aufforderung genau hinzusehen und über die Phänomene Verbindungen herzustellen zwischen Zeiten und Kulturen.

Formal raffiniert treibt die Künstlerin immer wieder das Spiel mit den Mitteln der Täuschung, wenn sie sich mit der Darstellung von Räumlichkeit befasst. Die Phänomene werden unsicher, betrügen unsere Augen. Ist eine Mauer nun ein reines Flächenornament oder plastisch ausgeprägt? Ist sie fotografisch präzise wiedergegeben, tatsächlich ein Stück Fotografie, oder gezeichnet? Öffnen sich Löcher im Bildraum? Wo ist vorne, wo hinten? Bildwirklichkeit wird brüchig. Eva Schaeuble spielt nicht nur mit Strukturen, nicht nur mit Elementen, sondern auch mit unserer Wahrnehmung. „Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir“ hieß einmal eines ihrer Werke – das ist auch ein Teil ihres ästhetischen Programms.

Treu geblieben ist Eva Schaeuble über die Jahre der Figur. Existierten früher mehr lebendige Figuren wie Tänzer, so widmen sich die Werke seit einigen Jahren artifiziellen, weitgehend erstarrten Figuren. Die „Potamiden“ etwa, die  liegenden Brunnenfiguren, und die Wasserspeier sind per se Kunstfiguren. Wasserspeier und Brunnenmotiv tauchen in Eva Schaeubles Beschäftigung mit den Brunnen Roms, besonders dem sogenannten Mädchenbrunnen in der Via Giulia, auf.

Die Wasserspeier von Eva Schaeuble haben zum Teil Melancholie in ihrem starren Blick – vielleicht eine still-versteinerte Trauer über den Mangel an Friedfertigkeit auf der Welt. Und andererseits strömt durch diese gleichmütigen Physiognomien das Leben, eine Urkraft, unaufhaltsam und im Überfluss. Diese Wasserbilder zeugen vom Zerrinnen, bedienen sich des Assoziationskreises zwischen Auf- und Abtauchen, Fruchtwasser, Quellwasser, Weihwasser und Totenfluss. Eva Schaeuble selbst versteht ihre Wasserspeier als Symbole für „Gleichmut“, der aus dem Gedanken an eine Wiederkehr, an die zyklische Erneuerung des Lebens hervorgeht.

Mit der Werkreihe der Glasteller vereinzelt sie Motive aus ihrem weiten Kanon, sie atomisiert gleichsam ihr Repertoire. Die Teller lassen sich dann wiederum zu einem gewissermaßen pointillistischen, impressionistisch hingetupften Wandarrangement addieren, das Grundthemen bewahrt: die Auseinander­setzung mit Leblosigkeit und Vitalität, mit Utopien von Unbeschwertheit und den realen Anzeichen für die humanen Destruktivkräfte, mit Erinnerungen und Selbstzeugnissen, dem Verrinnen von Zeit. Gleichbleibend kennzeichnet ein entschiedener Formwille ihre Arbeiten. Immer wieder ist Eva Schaeuble aber auch auf der Suche nach neuen gestalterischen Mitteln. Hinter all dem verbirgt sich ein „disegno interno“, eine Linie, die auf ein Ziel zuführt. Eva Schaeuble sucht mit ihren Arbeiten nach einer zeitgemäßen Schönheit, einer Schönheit der Intensität. Ihre Bilder sind immer Befragung älterer Vorstellungen von Harmonie. Ihre Werke sind Versuche, auf Schönheit hinzuweisen, in einem Zeitalter, das mit diesem Begriff lange ablehnend und destruktiv umging. Und die Künstlerin hat etwas von einem berühmten Künstler der Mythologie: Sie ist eine Art Pygmalion, der nicht nur versucht, ein Inbild der Schönheit zu schaffen, sondern sich auch noch wünscht, es möge lebendig werden.

 

Zurufe, die nachklingen - Kirsten Claudia Voigt
Coda 2006 

Eva Schaeuble bleibt sich treu. Weiter die kraft­volle Geste, die großzügige Anlage, die sich mit der insistenten Arbeit am Detail verschränkt. Im kleinen Format Szenen einer Fabel, die sie in Auseinandersetzung mit Manets „Mademoi­selle Victorine im Espada-Kostüm“ (1862) ausspinnt – die Stierkämpferin wird aus ihrer Pose befreit, kämpft ihren Kampf mit dem Stier, das ist ihre Kunst. il fruttivendoloIn den großen Bildern findet sich unter anderem wieder die Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit, der Erinnerung an die Paradiese, die jedem von uns, der einmal glücklich war, verloren gehen. Viel Melancholie, mit einem Lächeln – über sich selbst, über die Traurigkeit. Sie kann sich in die leuchtendsten Farben hüllen – ins reinste, in frisches Bunt. Ein Zuruf, der nachklingt, ein Zuruf, der Mut und Zuversicht fast für ein ganzes Leben vermitteln konnte, die eigene Kraft anspornte: Drei Kinder in einem Boot auf weiter See, langer Fahrt – „Vorwärts Kinder, vor euch zittert das Meer“. Auch die große Komposition „Jäger und Sammler“ geht auf ein Foto aus Kindertagen zurück. Ein grüner Esel, Melonen, der eigene Bruder. Eine warme, exotische Unbeschwertheit mit langen Abenden, später, tiefer Müdigkeit und fremden Gerüchen, köstliche Früchte, reiche Ernte, Freude und Stolz. Darüber Jagdbomber, Schwärme am Himmel, unbemerkt und überall. Ein grelles, absurdes Bild mit leisem Bruch, der erst auf den zweiten Blick ins Auge fällt.

Auch Gleichmut blieb ein Thema in den vergangenen sechs Jahren, so schwer es sein kann, ihn zu bewahren. „Gleichmut 4, somnium breve“ – ein Schläfer liegt schwer ins Bild gebettet. Und mit ihrem neuesten Werk, „Fruttivendolo“, paraphrasiert Eva Schaeuble ein Gemälde des englischen Künstlers Walter Crane, eine wandfüllende Persephone-Darstellung, die sich einmal im Besitz der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe befand. Eva Schaeuble holt das Bild zurück – verwandelt es ornamental barock für das neue Jahrhundert. Der Früchteverkäufer trägt Tattoos.dove siete ? Die berührendste und persönlichste dieser fünf neuen großen Arbeiten trägt den Titel „Dove siete?“ Leere rote Gartenstühle auf der weiten Veranda eines Cafés am Fuß eines Vulkans. Es ist die Frage nach denen, die wir liebten, und die wir nicht mehr finden – nur noch auf leeren Stühlen und in der Erinnerung, die schwer heilt. Vielleicht säßen sie dort gut, zufrieden, zurückgelehnt, mit dem Blick auf den rauchenden Berg, der umlagert ist von kämpfenden Titanen und Kentauern, mythologische Gestalten voll unbändiger Energie. Das Antike kehrt wieder, und die Hoffnung regt sich, dass es ein Zurück in der Zeit gibt – jenseits unserer Welt. In diesen großen Gemälden lagern sich Träume und Inspirationen weiterhin wie Sedimente ab, wachsen zu einer fragenden langen Erzählung zusammen über die Sehnsucht. -  Wo seid ihr?

 

 

Episode - Dorothee Höfert
Karlsruhe  2006


Eva Schaeuble ist es gewohnt, als Malerin ganz selbstverständlich aus dem Reichtum abendländischer Kulturtradition zu schöpfen, ohne den Boden moderner, unserer Zeit gemäßer Gestaltung zu verlassen. Es sind teilweise schon durch ihr ungewöhnliches Format beeindruckende Arbeiten, die von einem anhaltenden und anregenden Dialog mit den Werken der großen Kunstepochen berichten, der seinen Niederschlag häufig in ganzen Serien findet. Die aktuelle Serie greift die barocke Blumenthematik in Form von großdimensionierten Tulpendarstellungen auf, in denen Eva Schaeuble nicht nur die Schönheit dieser Frühlingsboten vor Augen führt, sondern ein komplexes, anspielungsreiches Bezugsystem aus Motiven und Ideen zur Vanitasvorstellung entwirft, das künstlerisch höchst reizvoll in ein Labyrinth aus malerischen und grafischen Elementen führt. Aus einem gewissen räumlichen Abstand heraus betrachtet  präsentieren sich großzügige Kompositionen mit Tulpensträußen in jeweils unterschiedlichen Vasen. In jedem Bild dominiert ein anderer Rot-Ton, das Spektrum reicht von der hellen Rosafärbung über das intensive Rot bis hin zum tiefen Purpur. Die Farben korrespondieren dabei mit den unterschiedlichen Stadien der natürlichen Metamorphose von der geschlossen, zartfarbigen Blüte über die vitale Entfaltung der Kelchblätter in strahlendem Rot bis hin zum Übergang in den Verwelkungsprozess, der sich in dunklen, violetten Tönen vollzieht. Die malerische Plastizität der üppigen, aufbrechenden Tulpen kontrastiert mit einem eher flächigen Hintergrund, in dem Räumlichkeit nur behauptet, nicht weiter illusionistisch ausgeführt wird.

Genaueres Hinsehen enthüllt eine spannende inhaltliche und formale Vielschichtigkeit. Die aus einer raffinierten Mischung aus Malerei, Zeichnung und Collage entwickelten Bilder verdanken sich einem intensiven künstlerischen Prozess, der lange vor der eigentlichen Maltätigkeit beginnt.Episode, 2005 Eva Schaeuble sammelt kontinuierlich dokumentarische Fotos, Zeitungsausschnitte, Abbildungen von Ornamenten und Mustern, Reproduktionen von Meisterwerken der Vergangenheit, interessante grafische Strukturen, aktuelle Bildreportagen und was ihr sonst an interessantem Abbildungsmaterial in die Hände fällt. Schwarz-weiss Kopien aus diesem schier unübersehbaren Fundus werden als Rohmaterial in die Malerei eingebettet und farbig übergangen, sind als collagierte Elemente mit der malerischen Textur verwoben, bleiben als aussagekräftige Details jedoch ohne Weiteres erkennbar. Im Tulpenzyklus übernehmen sie eine wichtige,  kommentierende Funktion: So fallen alsbald die kleinen Bilder im Bild ins Auge, die sich als einzelne Szenen aus einer altmodischen Comic-Episode erweisen, in denen Prinz Eisenherz einen Kampf gegen den Herrn der Zeit, nämlich Gott Chronos selbst führt. Die von der Malerin eingestreuten Bildzitate aus der Prinz-Eisenherz-Geschichte werden zum Kommentar, ja zum Schlüssel der Blumenbilder-Serie: Kann der Held den Kampf gegen die Zeit gewinnen? Sie ahnen schon, was passieren wird: „Und mit einem trockenen Hohngelächter wirft der Alte ihn in den Staub!“ Auch der ritterliche Prinz mit der sprichwörtlichen Frisur unterliegt bei seinem möglicherweise letzten? Abenteuer einem Alterungsprozess und muss sterben. Doch das ist nur der Inhalt der Geschichte – als literarische und damit Kunst-Figur ist Prinz Eisenherz unsterblich, solange irgend jemand Lust hat, ihn lesend bei seinen Abenteuern zu begleiten, hat Chronos keine Macht über ihn. In ihren Arbeiten spielt Eva Schaeuble das Thema der Vergänglichkeit nun auf verschiedenen gestalterischen und inhaltlichen Ebenen durch; nicht nur, dass der Tulpen-Zyklus selbst die Stadien des Verwelkens aufzeigt, auch die zugehörigen Insekten, die alles fressenden Schnecken zum Beispiel, finden als Bilder im Bild ihren Platz in den beziehungsreich miteinander verwobenen Kompositionen. Doch zugleich wird dieser unumkehrbare Prozess des Alterns und Sterbens aufgehoben – das Bild als Kunstwerk überwindet die Natur, die malerische Präsenz der Tulpe aus Farben und Formen bleibt im Gegensatz zur realen Blume erhalten, solange das Bild existiert.

Sie werden beim Betrachten der Bilder von Eva Schaeuble immer wieder auf diese Spannung zwischen kleinteiligen, erzählerischen Einzelelementen und  formatfüllenden Großformen stoßen, mit der zugleich die Spannung zwischen einer überbordenden, nicht mehr fassbaren Fülle aus reizvollen Einzelheiten und einer notwendig verkürzenden, malerischen Verdichtung ins Bild kommt. Die kompositorische Organisation nutzt auch die Möglichkeiten des Ornaments, des sich zum Muster zusammenfindenden, wiederholten Details, mit dem zugleich Aussagen transportiert werden, die weit über den ästhetisch-dekorativen Aspekt hinausreichen. Jedes Ornament ist immer auch mit einer symbolischen Inhaltlichkeit behaftet, verweist sinnlich-konkret auf geistig-abstrakte Zusammenhänge, ein Phänomen, das sich zum Beispiel in der nicht-gegenständlichen Bilderwelt des Islam ganz besonders stark ausgeprägt hat. In Eva Schaeubles Arbeiten durchdringen und durchbrechen die flächigen, zum Muster zusammengefügten ornamentalen Elemente den illusionistischen Bildraum der Malerei und irritieren den Blick, der ein Bild zunächst als Gesamtes aufzufassen gewohnt ist. Wer sich mit den Augen in Eva Schaeubles Bilder hineintraut, steht vor einem schwindelerregenden Abgrund, dessen formale Bezüge die Tiefe europäischer Kulturtradition sichtbar machen, über die wir Heutigen sozusagen mit halb geschlossenen Augen hinwegschreiten, um uns nicht in ihr zu verlieren. Für diesen Zustand hat Walter Benjamin den Ausdruck vom „Engel der Vergangenheit“ geprägt, der mit dem Gesicht nach rückwärts unaufhörlich in die Zukunft fliegt.
 

   
 

Allegorie von Zeit und VergänglichkeitORACULA SIBYLLINA - Dorothee Höfert

Oracula Sibylla, 2003...für die Malerin wird das steinerne Antlitz einer antiken Frauengestalt zum Ausgangspunkt einer Serie von großformatigen Bilder, mit denen sie Dimensionen der Zeit darstellt - Zeit sowohl  als endliche Lebenszeit eines Menschen wie auch als philosophische Kategorie, deren Denkfiguren sie nachhaltig faszinieren. Aufgebaut ist der Blick auf eine jeweils frontal wiedergegebene weibliche Büste vor wechselndem durchaus Landschaft suggerierenden Hintergrund aus einer raffinierten Verschränkung von Collage und Malerei.  Erst bei näherem Zusehen lassen sich kleinteilige, erzählerische Einzelelemente erkennen, die die formfüllenden Großformen begleiten oder überhaupt erst strukturieren - Architekturversatzstücke, Segelschiffe, Korallenzweige, Felsen, antike Fabelwesen oder Mohnblüten – und dabei sinnbildhafte Bezüge stiften. Der antike Frauenkopf mit den gesenkten Lidern taucht aus dem Meer der Vergangenheit empor und wird zur Allegorie von Zeit und Vergänglichkeit.. Nachtblau, mit Mohnblüten geschmückt, erscheint das Gesicht als Traumbild an der Grenze von Schlaf und Tod; schwarzgrau, umgeben von  Sphinx-Figuren, erinnert es an die Begegnung von Ödipus mit dem ägyptischen Ungeheuer und die Rätselfrage nach der menschlichen Existenz; marmorbleich  vor blutrotem Hintergrund verwandelt sich die Büste in ein Abbild  versteinerter – weil nicht mehr gewusster  und gelebter – kultureller Tradition. Die vielschichtige Bilderfolge ist auch eine Probe der Künstlerin auf die Wirkung einer uralten, Transzendenz vermittelnden Symbolsprache, deren faszinierender Bilderreichtum und Formenschatz sich im künstlerischen  Zugriff als dichtes Gewebe aus persönlichen Erinnerungen und kulturellen Bezügen manifestiert.

   
 

Zur Verleihung des Kunstpreis "Künstlerin in Baden-Baden"   Burghardt Freyberg

Eva Schaeuble als Preisträgerin des städtischen Kunstpreises  „Künstlerin in Baden-Baden“ hatte im Obergeschoß des Alten Dampfbades am Marktplatz naturgemäß ein Heimspiel der besonderen Art. Als langjähriges Vorstandsmitglied der dort residierenden  Gesellschaft der Freunde junger Kunst e.V. und  Kuratorin mehrerer Ausstellungen hat sie die historischen Räumlichkeiten des Hübsch-Baus in Kenntnis der besonderen Wirkung der Räume souverän mit ihren Werken bespielt. 

So entsteht zuerst beim Besucher der Eindruck einer bildnerisch und plastisch fast barock-überquellenden Inszenierung, doch  –  auch mit Hilfe des auskunftsfreudigen Kataloges –  entdeckt man schnell den künstlerischen Faden in der Komplexität von kunsthistorischen Stilverweisen und insbesondere mehreren Frauenbiographien des Impressionismus.

OB Margret Mergen als Preisgeberin und früheres Mitglied des Majolika-Stiftungsrates war es auch, die zur Vernissage am Sonntag, 11. Dezember, auf die Bedeutung der Künstlerin für diese stets um ihre Existenz kämpfende Karlsruher Manufaktur verwies. Eva Schaeuble setzt eine Tradition fort, die vor ihr viele prominente Künstler  wie Markus Lüpertz, ihrem früheren Professor, Stephan Balkenhol und Elvira Bach in den Keramik-Ateliers in Schlossnähe begründet haben.

Welche glasierte Interpretationen von den Helden der Geschichte bis zu den in Vasen verwandelte Impressionisten-Freundinnen ihre Künstlerhände dabei in den vergangenen Jahren  aus dem keramischen Material geformt  und mit ihrem typischen Malduktus vollendet haben, zeigen fast die Hälfte der 120 ausgestellten Werke eindrucksvoll. Dies ist umso bemerkenswerter, als die Künstlerin erst 2009 ihre Leidenschaft für die plastischen Keramikarbeiten entdeckt hat.

Für ihre Ausstellung hat sie sich ein besonderes Präsent ausgedacht: In der Mitte des Florentinersaales hängt ein Kronleuchter aus Eisen, an dem 40 „Groteske Köpfe“ aus Keramik mit Fayencemalerei und bunten Papierkörpern drapiert sind, allesamt jeweils zu einem besucherfreundlichen Preis zwischen 100 und 250 Euro, der der Philosophie der Gesellschaft entspricht, originale Kunst in die Wohnungen der Menschen zu implantieren und sie zu Sammlern  werden zu lassen.

In der Rotunde  des Alten Dampfbades glänzt Eva Schaeuble, der Architektur des Raumes entsprechend, mit einem überdimensionalen malerischen Statement. Auf dem 4,20 mal 2,60 Meter großen Bild „Bar Recontre des amies“ versammelt sie die Frauen, an deren Rolle als Künstlerinnen  im Impressionismus sie nicht nur in zahlreichen Bildern und Portraitkeramiken  erinnern möchte, sondern auf deren Seelenverwandtschaft sie verweist: Berthe Morisot, Malerin, berühmtes Modell beispielsweise auf dem Bild „Der Balkon“ (und Geliebte?) von Manet, dessen Schülerin, die Bildhauerin Eva Gonzales, die Künstlerinnen Susanne Valadon, und Mary Cassat und natürlich Victorine Meurent, Malerin und Modell Manets.

Für diese allesamt sehr begabten und den männlichen Kollegen in künstlerischer Hinsicht ebenbürtigen Künstlerinnen wird, so Kunsthistorikerin Marlene Angermeyer-Deubner in ihrer Vernissagen-Ansprache, „ein kleines sehr aktuelles Universum weiblicher Selbstbehauptung“ geschaffen. Dass sie die Barszene, angelehnt an das berühmte Bild „Bar aux Folies Bergères“, mit realen Barhockern in den Raum der Rotunde  ausweitet, ist nur eine der  vielen augenzwinkernd-ironischen  Verweise zu kunstgeschichtlichen Ikonen und Helden der Geschichte, die die Besucher an vielen Stellen der Ausstellung entdecken können.

Auf den aufklappbaren Umschlagseiten des Kataloges ist Eva Schaeubles  Pinwand im Atelier zu sehen. Bevor man sich auf den Rundgang durch ihren Künstlerkosmos macht, sollte man diese genau betrachten. Da findet man das Bild der Victorine Meurent, gemalt im Kostüm einer Stierkämpferin als Zeitungsauschnitt, ebenso wie  Gedichte der Lyriker Oskar Loerke und Paul Celan  und auf dem Tisch eine Ausgabe des rätselhaften Renaissance-Romans „Hypnerotomachia  Poliphili“. Damit gibt sie dem Besucher neue Rätsel auf. Was bleibt, ist ein Ausstellung, die zum Entdecken einlädt und das Auge in der Sinnlichkeit ihrer Formen und Ideen schwelgen lässt.